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30.10.2020

Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten literarischen Figuren unserer Zeit. Es gibt kaum eine Person, die nicht schon mal von ihm gehört hat. Doch wo und wann begann die Erfolgsgeschichte des exzentrischen Detektivs und wie konnte eine Buchfigur solch eine enorme Popularität erlangen? 

Nun, um diese Fragen klären zu können, muss man erst einmalins 19. Jahrhundert zurückgehen. Denn zum Ende des Jahres 1887 erschien die erste Geschichte über Sherlocks aufregende Abenteuer. Sie wurde von dem englischen Autor Sir Arthur Conan Doyle geschrieben und erschien unter dem Namen „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) in einem Weihnachtsmagazin und kennzeichnete den Beginn einer neuen Ära der Detektivgeschichten.

Doyle wurde am 22. Mai 1859 in der schottischen Hauptstadt Edinburgh geboren. Sein Vater war Alkoholiker und interessierte sich wenig für den jungen Arthur. Seine Mutter jedoch, so wird Doyle später sagen, war durch ihre Begabung im Geschichtenerzählen der Grund für seinen späteren Erfolg. Sie war belesen und erzählte auf so eine glaubhafte Art und Weise, dass sie Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen ließ. Doyle erbte diese Gabe und war deshalb bei seinen Schulkameraden sehr beliebt. Mit 17 Jahren machte er seinen Abschluss und fing ein Medizinstudium an. Dabei war er besonders begeistert von einem seiner Professoren mit dem Namen Doktor Joseph Bell. Dieser besaß wohl eine hervorragende Beobachtungsgabe, analytischen Verstand und bestechende Logik. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Doktor Bell somit einen großen Einfluss auf den Charakter von Sherlock Holmes hatte. Nachdem Doyle sein Studium zum Mediziner abgeschlossen und die Doktorwürde erlangt hatte, fand er seine erste Anstellung als Arzt auf einem Schiff. In dieser Zeit hat er viele verschiedene Orte besucht und Erfahrungen gesammelt. So dienten seine Abenteuer auf dem Schiff nicht selten als Inspiration für seine Geschichten. Auch seine Tätigkeit als Arzt findet man zum Beispiel in dem Charakter von John Watson wieder, dem getreuen Begleiter von Sherlock Holmes. Bevor Doyle der große Durchbruch gelang, schrieb er bereits Schauergeschichten nach dem Vorbild von Edgar Allan Poe und veröffentliche diese in kleineren Zeitschriften. Doch erst mit der Veröffentlichung des Krimiromans „A study in scarlet“, 1887, konnte Doyle sich als anerkannter Schriftsteller etablieren. Dabei träumte er eigentlich eher davon, durch das Schreiben von Historien – und Sachbücher Ruhm zu erlangen und plante keine Fortsetzung des Buches. 

Doch was ist so besonders an diesem Buch beziehungsweise an der Reihe von Geschichten, die ihm folgten?Normalerweise waren Detektivcharaktere dieser Zeit sehr poliert und hatten wenig eigene Persönlichkeit. Es war der Fall, der im Fokus stand und als stärkstes Element eines Krimiromans galt. Doyle brach mit diesem System und deswegen sind es Doyles interessante und vielschichtige Charaktere, die maßgeblich zum Erfolg der Reihe führten. So ist Sherlock Holmes durch seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe in der Lage, selbst kleinste Details und Hinweise zu entdecken und durch cleveres Kombinieren auf eine Lösung zu kommen. Er ist also unglaublich clever und verblüfft dadurch, dass er schier unlösbare Probleme nur durch einfaches Beobachten und Analysieren löst. Sherlock wirkt fast ein wenig übermenschlich, da es einem normalen Menschen nicht möglich ist, die Welt mit genauso viel Aufmerksamkeit zu betrachten. Doch damit Sherlock nicht zu perfekt wirkt und die Leserschaft sich dennoch mit dem Buch identifizieren kann, hat Doyle John Watson ins Spiel gebracht. John begleitet Holmes bei seinen Fällen und schreibt seine Erlebnisse später nieder. So sieht der Leser die Geschichte gewissermaßen durch die Augen von Watson und fühlt sich so in die Welt integriert. Außerdem kann Watson Sherlocks Genie genauso wenig verstehen und nachvollziehen wie der Leser und fragt nach, wenn Sherlocks Schlussfolgerungen zu zusammenhangslos erscheinen. Auf diese Art und Weise kriegen die Leser eine Erklärung zu Sherlocks Gedankengängen und fühlen sich in ihrem anfänglichen Unverständnis nicht alleine. 

Doch es ist nicht nur die beeindruckende Intelligenz Sherlocks, die ihn zu einer interessanten Figur macht. Er ist nämlich, auch wenn er auf den ersten Blick noch so perfekt scheint, ein Charakter mit vielen Fehlern. So hat er beachtliche Defizite im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und empfindet wenig Empathie für die Menschen, die ihn umgeben. Sherlock kann zwar das Handeln seiner Mitmenschen voraussagen und deuten, aber nicht verstehen oder nachvollziehen. Diese Eigenschaft lässt ihn oft kalt und distanziert wirken. Sherlock hat außerdem eine Vorliebe für Opium und Tabak, weswegen der klassische Sherlock ohne seine Pfeife unvorstellbar ist. All diese Ecken und Kanten begründen zusammen mit seinem Genie einen unglaublich dynamischen Charakter. Für sein Talent bewundert man ihn und mit dessen Fehlern identifizieren sich viele.

Nach Doyles erstem Buch folgte 1890 ein zweiter Teil und anschließend veröffentlichte er Kurzgeschichten rund um die aufregenden Fälle des Detektivs im „Strand Magazine“. Er wurde durch seine Arbeit als Autor reich und dennoch hatte Doyle bald keine Lust mehr auf die Krimigeschichten.  Er ließ Sherlock Holmes 1893 in der Geschichte „The final Problem“ sterben. In der zahlreichen Fangemeinde der Erzählungen gab es großes Entsetzen und einige Fans trugen sogar schwarze Armbinden, um ihre Trauer kund zu tun. Andere warenwütend und forderten, dass Sherlock wieder auferstehen und neue Bücher erscheinen sollten. Doch es brauchte acht Jahre und ein hohes Honorar, um Doyle wieder zum Schreiben zu bewegen.  Bis zum Tod des Autors am 7. Juli 1930 erschienen so vier Romane und 56 Kurzgeschichten. 

Man würde meinen, dass seit dieser Zeit das Interesse an der Figur und den Büchern nachgelassen hätte. Doch es ist so ziemlich das Gegenteil der Fall. Bis zum heutigen Tag werden die originalen Geschichten auf der ganzen Welt auf über 50 Sprachen gelesen. Es gibt auch viele Spin-off- Bücher, die sich zum Beispiel mit dem Leben des jungen Sherlock in seiner Kindheit befassen. Oder man erfindet eine kleine Schwester Sherlocks, die im Schatten ihres großen Bruders ihre eigenen Fälle löst. 

Doch nicht nur in Büchern lebt Sherlock Holmes fort. Es gibt zahlreiche Hörbücher, Filme, Serien, Theaterstücke und Videospiele, in denen man den Meisterdetektiv und John Watson auf ihren Abenteuern begleiten kann. Es gibt allein 217 Filme, in denen 81 Schauspieler in die Rolle von Sherlock schlüpften, und auch heute noch erscheinen fortlaufend neue Adaptionen des Klassikers.

Die britische Serie „Sherlock“ vom BBC ist die wohl berühmteste Inkarnation der letzten Jahre. Sie spielt nicht im viktorianischen Zeitalter, sondern im London des 21. Jahrhunderts.Sie bringt somit viele neue spannende Elemente und Möglichkeiten mit sich oder wandelt bereits bekannte Dinge ein wenig um und zeigt somit eine etwas andere und modernisierte Seite des Detektivs. 

Auch die amerikanische CBS Serie „Elementary“ versetzt die Geschichte in die Neuzeit. Jedoch wird hier nicht nur die Zeitperiode verändert, sondern auch der Ort des Geschehens sowie das Geschlecht von Watson. So spielt die Serie in New York City und John Watson ist nun Joan Watson und betreut Sherlock als Suchttherapeutin, als dieser aus der Entzugsklink kommt. Zusammen lösen sie nun Fälle für das NYPD und nicht für Scotland Yard. Ein amerikanischer Sherlock Holmes klingt im ersten Moment wie ein schlechter Witz, jedoch konnte die Serie trotzdem überzeugen und gehört damit auch zu der langen Reihe von Sherlock- Adaptionen. 

Das waren nur zwei der zahlreichen Beispiele, die man hier hätte aufführen können. Über die Jahre haben viele Menschen ihren Lieblings-Sherlock gefunden und jede Generation wächst mit einer anderen Version der Geschichte auf. Aber eines ist sicher, Sherlock Holmes und John Watson sind unsterblich So werden auch zukünftige Generationen nicht um den exzentrischen Detektiv herumkommen.

Photo by Soyoung Han on Unsplash

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