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Der Bummelux erzählt vom Winterlager

Im tiefen, tiefen Riesengebirge, wo es die dichtesten Wälder, die höchsten Berge und die wildesten Tiere gibt, dort wohne ich. Ich bin der Bummelux.

Tagsüber schlafe ich unter dem Dach des Hotels Tetrivek, unweit des kleinen tschechischen Örtchens Velka Upa. Erst bei Einbruch der Dunkelheit schleiche ich mich hinaus und treibe mein Unwesen.

Alles könnte so schön sein, doch jedes Jahr zur selben Zeit wird diese Idylle zerstört. So auch dieses Jahr. An jenem kalten Wintermorgen riss mich das Brummen eines riesigen, langen Gefährts aus dem Schlaf und als ich kurz darauf ein furchtbares Gelächter und Gekreische vernahm, wusste ich, sie waren wieder da. Kinder! Oh, wie ich sie hasse. Wenn sie kommen, ist es vorbei mit der schönen Ruhe. Hektik bricht aus, alle laufen hin und her, ständig knallen die Türen, es ist eine einzige Tortur.

Direkt nach ihrer Ankunft war es besonders schlimm, denn während dann die einen noch ihre Koffer in eines der Nebenhäuser des Tetriveks schleppten, waren andere schon dabei, diese bunten Bretter, ich glaube sie nennen sie Skier, anzuprobieren.

Nach Sonnenuntergang dann begaben sie sich allmählich in den Speiseraum des Hotels, um endlich zu essen, doch nun begann erst der schlimmste Teil des Tages: Die ewigen Gesangsduelle, die sie jeden Abend austrugen. Bei dieser seltsamen Angewohnheit, die die Quälgeister schon seit Jahren zu tun pflegen, stehen jeweils zwei von ihnen vor einer riesigen Flimmerkiste und geben Geräusche von sich, dass sich die Balken biegen. Dieses ohrenbetäubende Gejaule gab mir nun endgültig den Rest und ich begann Rachepläne zu schmieden.

So quälten sie mich Abend für Abend. Die paar Stunden Ruhe, die ich tagsüber hatte, wenn die Nervensägen auf dem nächstgelegenen Berg Cerna Hora Ski oder Schlitten fuhren, reichten lange nicht aus, um mich von dem ganzen Stress zu erholen, und als am vierten Abend schließlich das Gejaule besonders laut und lang wurde, beschloss ich, es ihnen heimzuzahlen.

In dieser Nacht schlich ich mich in ihre Zimmer, wo ich für Verwirrung und Unordnung sorgte, indem ich ihre Schuhe vertauschte und einiges auf den Flur verschleppte. Mit Genugtuung beobachtete ich am nächsten Morgen ihre empörten Gesichter und die Ratlosigkeit, die sich breitmachte.

Einzig und allein Zimmer 10 wurde von mir verschont. Zu stark war der Büffelgeruch, der mir beim Betreten entgegenkam. Einst hörte ich die Skilehrer, die sich selbst Hezis nennen, sogar von einer ‚Gaskammer‘ reden.

Scheinbar wirkte meine Strafe jedoch nicht, denn schon am nächsten Abend kam es zum erneuten Tohuwabohu. Diesmal wurde wohl ein neuer Hezi im Kreise aufgenommen und mit großem Tamtam getauft, ganz zur Freude der jüngeren Quälgeister.

Am nächsten Morgen trafen sich alle bunt verkleidet, mindestens die Hälfte davon als Einhörner, vor dem Tetrivek und fuhren mal wieder hinauf zum Cerna Hora. Diesen eigenartigen Brauch nennen sie „Skifasching“, und obwohl ich dessen Sinn nie verstanden habe, war ich erleichtet, denn ich wusste, dass er immer am letzten Tag stattfindet.

Auch der Abend lief wesentlich gesitteter ab. Statt zu jaulen, saßen nun alle beisammen und sahen sich Bilder, die wohl in der vergangenen Woche entstanden sind, an.

Gegen 21 Uhr dann verschwanden sie schließlich alle wieder in ihrem seltsamen Gefährt und fuhren mit lautem Gehupe davon.

Und ich kann nun  endlich meinen verlorenen Schlaf nachholen und in meiner Idylle weiterleben. Zumindest bis zum nächsten Jahr, wenn das Spektakel von vorne beginnt.