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Kurzgeschichte: Farbspritzer auf Bahngleisen

Während ich mich in meinem Zimmer umsah, mein Blick über die leeren unpersönlichen Wände streifte, regten mich Menschen auf. Sie wollten, dass man eine Meinung hat, aber hatte man dann eine, war das natürlich auch falsch, weil „das ist die falsche Meinung“, weil „man muss sich ja nicht über alles aufregen“, weil „der Klügere gibt nach, aber willst du heute nicht mal der Klügere sein?

Bei Dingen war das anders, mein Computer schrie nicht zurück, wenn ich ihn anschrie, nur ab und an blinkte die Warnung über den Bildschirm: „Das Beschädigen der Hardware trägt nicht zum Beschleunigen der Software bei.“ Einen Hinweis, den ich mir im Übrigen selber eingerichtet hatte.

Ich ging nach draußen, während die Wände meines Zimmers immer noch erschreckend leer waren und der PC weiterhin nicht tat, was ich wollte.

 Er lehnte an der Hausecke. Auch er verstand die Menschen nicht, weil sie ihn enttäuscht hatten, ihn enttäuscht hatten, als sie Trump wählten oder Hitler nicht stürzten, bei ihm klang das wie ein und das selbe. Sowieso war er gegen alles: Presse, Rechte, Linke, Kinderschänder, Populisten, die ganze Palette. Ich sagte nichts dagegen, Menschen wollten keine Meinungen hören, er fragte auch nie danach.

Und so folgte ich ihm. Er in weiter bunter Hose,  schwarze Lederjacke, abrasiertes Haar, Totenkopf auf dem Rücken, der sich mit den Peacezeichen, die um seine Beine wehten, einen ungleichen Kampf lieferte. Widersprüche. Seine einzige Waffe gegen die Welt, die ihn nicht zu verstehen schien. Mich eingeschlossen, ich verstand ihn auch nicht, aber manchmal musste man sich nicht verstehen, nur da sein, zusehen, lauschen. Ob wir Freunde waren? Das fragte ich nie. Die Antwort wäre „nein“ gewesen. Wir waren nur Züge auf unterschiedlichen Gleisen, die nebeneinander fuhren, aber wüssten, dass hinter jeder Kurve die Abzweigung kommen konnte, die wir weder herbeisehnten noch  uns vor ihr fürchteten.

„Worte könnten die Welt verändern“, sagte er immer. Aber die Welt hatte verlernt zuzuhören, dachte ich, sagte nichts, er hätte nicht zugehört.

Wir setzten uns an einen kleinen See, Strümpfe aus, Füße ins Nass. Er war eh barfuß. Er ließ Steine übers Wasser hüpfen, ich ließ meine Gedanken springen. Dann begann er zu schimpfen, auf die Schule, seine Eltern, Putin, den dritten Weltkrieg, rauchende Kinder, alles was die Welt bewegte. Die Steine hüpften längst nicht mehr so weit, das Wasser spritzte höher, sie sanken nur noch auf den Grund. Er beschränkte sich darauf, sie hinein zuwerfen. Ich ließ ihn schreien. Es tat ihm gut. Er verfluchte die Welt, Fußball-Rowdys, die Ungleichheit, Sozialisten, Kapitalisten, Nordkorea und seine Mathelehrerin, wegen der er von der Schule fliegen würde. Ich schwieg, starrte auf den flachen Stein in meiner Hand, schleuderte ihn ins Wasser, anstatt zu sagen, dass die Mathelehrerin nichts dafür kann, dass er hier saß und schrie, anstatt Zahlenkolonnen zu entschlüsseln.

Als es dunkel wurde, kramte er die Farbflaschen und Taschenlampen aus einem Gebüsch-einzige Waffe in der Hand- Kapuze über,  als Opfer: das neue Jugendzentrum.  Die Wände waren weiß und unberührt, noch unbeschriebene Seiten – Rohstoff eines unbekannten  Künstlers. „Rauchen kann tödlich sein!“ schrieb er an die Wand. Zog irgendwann eine Zigarette aus der Tasche, reichte mir auch eine, ich sagte nicht, dass ich nicht rauche, blickte nur an die riesigen roten Worte an der Wand, sah ihn fragend an, nahm einen Zug. Das war seine Form von Kunst, seine Rebellion, seine bessere Welt. Dann weiter im Text, Worte schreiben, Frieden malen, Gedichte, Bilder, alles was leicht von der Hand ging. Wir sprachen kein Wort, ließen unsere bunten Hände für uns reden. Kämpften, ohne einen Gegner zu haben, wussten nicht, ob wir gewonnen hatten.

Am nächsten Morgen nahm man mich auf die Polizeiwache. Ihn hatten sie aus der Familie genommen – Drogen, Schulstress, unfähige Eltern, Sachbeschädigung. Man sah mir tief in die Augen, es roch nach Schweiß und Lügen: „Du warst doch sicher nicht dabei. Gestern Abend?“, fragten sie. „Ich? Nein. Was ist denn passiert?“, die Beamten nickten – keiner wollte gegensätzliche Meinungen hören. Hinter der nächsten Kurve würde es nur noch ein Gleis geben, für einen Zug. So war es immer. Ich hatte die Welt längst durchschaut.

 

                                                                                                                                                                                          Schülerarbeit Klasse 11