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Erlebnisbericht Rhetorikwettbewerb

Rhetorik – die Kunst der Rede. Der Rhetorikwettbewerb der Schule bietet Schülern der Klassenstufe 11 eine Bühne, über die Themen zu sprechen, die sie beschäftigen. 13:30, Dienstag, 09.01.2018. Anspannung, in wenigen Minuten soll man eine Jury von seiner Rede überzeugen. Nach vorne gehen,ins Publikum sehen, zu reden beginnen. 13:50, dann ist es vorbei, die Spannung und die Angst machen Euphorie Platz und der Erkenntnis,  vor Menschen zu sprechen ist nicht nur Plicht oder Kunst, es macht in erster Linie Spaß. 14:20 Ich bin erster geworden, habe den Schulwettbewerb gewonnen und kann nun am Rhetorikwettbewerb des Rotaryclubs Neubrandenburg teilnehmen.

Könnte zumindest. Der Wettbewerb findet in zwölf Tagen statt, sehr wenig Zeit, denn konkret bedeutet die Teilnahme: eine neue Rede schreiben, sie beinahe auswendig lernen und an Stimme, Mimik und Gestik feilen. Während die Themen für den Schulwettbewerb frei zu wählen sind, legen die Rotarier drei Problematiken fest, von denen man sich mit einer beschäftigen soll. Das Thema meiner Schulwettbewerbsrede ist keines der vorgegebenen – das heißt viel Arbeit.

Trotzdem sage ich zu. Wenige der Gründe: Eine Rede halten ist auch immer eine Chance, sich mit Themen und Problemen auseinanderzusetzen, die sonst im eigenen Leben weniger eine Rolle spielen; eine Möglichkeit, eine eigene Meinung zu einer Fragestellung unserer Zeit zu entwickeln oder auch eine Meinung zu vertreten, die man schon immer hatte, nach der aber nie jemand gefragt hat. Außerdem macht das Spiel mit Worten Spaß, bei dem man jede Formulierung und jede Betonung an der richtigen Stelle setzen muss, um die geplante Wirkung zu erzielen. Und: man kann an seine Grenzen gehen. Ich für meinen Teil bin eher schüchtern, daran will ich arbeiten, eine Rede vor Publikum ist ein wunderbarer Anlass, sich auszuprobieren.

Also stehe ich  vor der Qual der Wahl. Die drei Themen:

•             Meinungsfreiheit und Netzwerkdurchsetzungsgesetz: Zensur und Selbstzensur? (Heiko Maas‘             Gesetz gegen Hetze im Internet)

•             Wie weit reicht der Dienst am Menschen? – Die Entscheidung des Mediziners im Grenzfall      des assistierten Suizids

•             Was ich an Schule ändern würde…

Nach einiger Recherche entscheide ich mich für das erste. Meine Deutschlehrerin – Frau Nitzsche – bittet mich darum, möglichst bald eine Rede zu erstellen, mit der sie arbeiten kann. Ich muss mich beeilen, kein leichtes Unterfangen, unter Zeitdruck eine Rede zu schreiben, vor allem zu einem Thema, das zwar interessant ist, aber von dem ich anfangs reichlich wenig Ahnung hatte. Am Freitag ist es dann soweit, ein erster Entwurf steht, entstanden in der kurzen Spanne von Dienstag, dem Tag des Schulwettbewerbs, bis zum Ende der Woche.

Entsprechend schlecht ist der Text auch. Es muss noch viel konkretisiert, gekürzt und inhaltlich verstärkt werden. Zwischendurch bin ich in den Nominalstil verfallen, der Untergang einer Rede. Noch zehn Tage bis zum Wettbewerb.

Das Wochenende verliert sich in Schulaufgaben, sodass ich keine weitere Minute auf die Rede verwende. Am Montag bekomme ich ein Feedback von meiner Lehrerin, die mich auf die Schwächen des Textes explizit hinweist.

Ich weiß gar nicht so genau, wie ich bis zum nächsten Freitag zu einer Rede kam, mit der ich einverstanden war, ich weiß nur, dass sie irgendwann Hand und Fuß hatte. Verschiedene Freunde standen mir bei, diskutierten mit mir über einzelne Formulierungen und trieben die Rede in die richtige Richtung.

Pünktlich am Freitag halte ich die Rede vor meiner Klasse oder lese sie zumindest vor. Ein neues Problem tut sich auf. Ich brauche zehn Minuten, wenn ich etwas ruhiger gesprochen hätte, wären es sogar elf geworden. Was tun? Kürzen heiß die Devise, aber nichts ist schlimmer als einen Text zu kürzen mit dem man zufrieden ist. Das Wochenende mache ich nichts anderes als jedes Wort einzeln abzuwiegen. Streiche am Ende 150 von 1300, eine minimale Ausbeute.

Am Sonntagabend erfahre ich durch einen Zufall, was ich sonst gar nicht mitbekommen hätte. Durch den Busfahrerstreik fallen Verbindungen zwischen Waren, meiner Heimatstadt, und Neubrandenburg aus. Mein Bus fährt in der Früh nicht und so verpasse ich einen Tag Schule. Montag – der Tag des Rhetorikwettbewerbs. Ein geschenkter Vormittag. Langsam werde ich nervös. Zum tausendsten Mal spreche ich meine Rede vor dem Spiegel durch, versuche auf die einzelnen Worte, auf jede Geste zu achten und kann den Text irgendwann beinahe auswendig. Nur ruhiger werde ich dadurch nicht.

Meine Eltern fahren mich nach Neustrelitz. Am Carolinum, dem Neustrelitzer Gymnasium findet der Wettbewerb statt. Wir sind eine halbe Stunde zu früh. Acht Redner werden ihre Beiträge halten, wir ziehen Startnummern, ich bekomme die 5 -der erste Beitrag nach der Pause. Den ersten vier Reden lausche ich voller Anspannung, bin nach der vierten Rede komplett eingeschüchtert. Drei Redner beschäftigen sich mit meinem Thema, drei Redner die eine gegenteilige Meinung von der meinen vertreten. Sicher gibt es keine richtigen und falschen Meinungen dennoch, sind es argumentativ sehr starke Reden, voller Satire und Spott und mit einem gewissen Maß an Arroganz vorgetragen, der Wunderbar zu dem Stil der Reden passte.

In der Pause gehe ich in der fremden Aula auf und nieder. Weiß nicht, wie ich in wenigen Minuten meine Rede halten soll. Als schon eine Glocke die Pause beendet und mein Name fällt.

Ich erinnere mich nicht mehr an viel von dem, was auf der Bühne geschehen ist. Nur, dass es sich richtig angefühlt hat, dass ich vor den Menschen eine Ruhe fand, die ich zuvor nicht hatte und ich freudestrahlend wieder zurück kam, das weiß ich. Ich habe die Zeit weit überzogen, aber das war es wert, jedes Wort der Rede war wichtig gewesen. Meine Mühe wird mit einen dritten Platz belohnt.

Ich würde im Nachhinein gerne sagen, ich hätte nie Angst davor gehabt, vor Menschen zu reden, ich hätte immer daran gedacht, dass das, was meine Rede aussagt relevant und richtig ist. Aber das ist nicht wahr. Manchen fällt es leichter vor Publikum zu sprechen, anderen schwerer, aber die Erfahrungen die man mitnimmt sind es in jedem Fall wert. Deshalb möchte ich jeden ermutigen, der mit dem Gedanken spielt an diesem Wettbewerb teilzunehmen, aufzuhören nur damit zu spielen und es einfach zu tun. Jeder der gerne redet, Worte zu Sätzen puzzelt oder eine Meinung hat. Der Rhetorikwettbewerb lebt von eurer Teilnahme!